05.08.2019 / Kanton Luzern / CVP Luzern

1. August 2019 auf Holzwegen / Romoos

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger von nah und fern

Liebe Eidgenossen

Ich habe mich gefreut, als der Präsident des Jodlerclubs Philipp Koch angefragt hat, ob ich heute die Ansprache halten würde. Zuerst danke ich den Jodlerclub und der Familie Häfliger für ihren Einsatz an der heutigen Bundesfeier.

Vor sechs Jahren habe ich hier auf Holzwegen bereits einmal eine 1. Augustrede gehalten. Ich habe nachgeschaut, auswendig hätte ich den Inhalt mehr gewusst. Das Thema der Ansprache war der Bundesbrief von 1291.

In den sechs Jahren, die seither vergangen sind, hat sich auf der Welt und in der Schweiz, und natürlich auch bei uns in Romoos, einiges verändert; und viel ist - zum Glück - auch gleich geblieben. Zum Beispiel, dass wir Schweizer am 1. August unseren Nationalfeiertag begehen, wir feiern den Geburtstag der Eidgenossenschaft.

Wenn jemand Geburtstag hat, lädt man dazu Angehörige, Freunde und Bekannte ein, um mit ihnen den Festtag zu feiern. Übrigens: Wissen Sie, wer heute, am 31. Juli Geburtstag hat – richtig: Es ist unsere Frau Sozialvorsteherin Jole Unternährer. Happy Birthday .......  Die Geburtstagsfeier am 1. August in der Schweiz gehört nicht einer einzelnen Person – am 1. August hat unser Land, die Schweiz als Nation Geburtstag, und so feiern alle Schweizerinnen und Schweizer den Geburtstag der Eidgenossenschaft; diese geht bekanntlich zurück bis ins Jahr 1291 auf dem Rütli.  Ein Land, ein Staat, ein Volk, besteht ja aus Leuten - aus Frauen und Männern, Jung und Alt - welche zusammen eine Nation verköpern.

Eine 1. Augustfeier in der Schweiz bietet immer auch Gelegenheit, über politische - in der Regel vor allem über staatspolitische - Themen nachzudenken. Und an solchen mangelt es uns momentan nicht.

Dabei wollen wir zuerst einmal danken:

-     Unseren Vorfahren, die Sorge getragen haben zu unserem Land und zu unserer Freiheit.

-     Dem Herrgott, der unser Land verschont hat vor Krieg und innerer Zwietracht.

Letztes Jahr war ich am 1. August auf Schwarzsee. Sie fragen sich, wie ausgerechnet ein Entlebucher dazu kommt, auf Schwarzsee die 1. Augustrede zu halten. Die Entlebucher kennt man dort oben eher vom Schwingen, Joel Wicki hat vor vier Jahren als 18jähriger gewonnen. Mein Auftritt letztes Jahr am Schwarzsee ist spontan zu Stande gekommen. Ich kenne den Gemeindepräsidenten von Plaffeien, Otto Lötscher (ein alter Marbacher) aus meiner Tätigkeit aus der SAB, Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für das Berggebiet.

Und zum Bergebiet als geographisch grosser Teil der Eidgenossenschaft, zum Heimatgefühl der Bergbevölkerung und vom Bewusstsein zur die eigene heimatliche Verwurzelung will ich nun gerne etwas sagen.

Das Wort „Heimat“ zu definieren ist leicht, da fällt einem sofort etwas ein. Und wenn wir heute Abend eine Umfrage machen würden, es gäbe ganz viel Antworten, jede wäre etwas anders formuliert, gemeint wäre allerdings das Gleiche, eben „Heimat“.

Eine interessante Definition habe ich bei Dr. h.c. Josef Zihlmann aus dem Luzerner Hinterland gefunden, landläufig bekannt als „Seppi a de Wiggere“. Er hat ein grosses lokalhistorisches Lebenswerk hinterlassen, mich beeindrucken vor allem auch seine Philosophie und seine Ideen zur Heimat. So schrieb er wörtlich: „Heimat ist nicht geruhsame Behaglichkeit. Wenn Heimat stillsteht, stirbt sie. Heimat neu schaffen heisst, beispielsweise dafür sorgen, dass junge Menschen vor dem, was Heimat sein könnte, nicht davonlaufen“.

Gemeint hat er zu seiner Zeit, vor 50 Jahren, man soll besorgt sein, dass sich die Randgebiete in unserem Land - in unserem Fall das Napfgebiet, nicht entvölkern.

Ob d‘ Seppi a de Weggere, damals, als er den Satz geschrieben hat, damit auch an die moderne Völkerwanderung von heute gedacht hat, weiss ich nicht. Hingegen weiss ich, dass heute weltweit Millionen von Menschen auf der Flucht sind. Viele von ihnen – nicht alle - haben ihre Heimat verlassen, weil sie sie nicht mehr als Heimat empfunden haben. Darin besteht ihre grosse Tragik.

Wenn das Gastland, das sie dann neu betreten, ihre neue Heimat werden soll, dann müssen sie – unabdingbar – gewillt sein, die Gepflogenheiten dieses Landes zu respektieren und beachten. Dazu gehört der vorbehaltlose Wille, sich in der neuen Heimat zu integrieren. Sonst bleiben sie immer Fremde in ihrer neuen Heimat und belasten so das gesellschaftliche Zusammenleben.

Angesichts der heutigen Situation muss diese Forderung noch viel konkreter gestellt werden, und vor allem: Sie muss viel konsequent durchgesetzt werden. Das heisst jedoch nicht, dass ein Mensch seine eigentlichen Wurzeln verleugnen soll. Im Gegenteil, ob Entlebucher oder Oberwalliser, Albaner oder Nigerianer, der Mensch soll zu seiner Herkunft stehen. Das schliesst aber überhaupt nicht aus, sich in der selbstgewählten neuen Heimat anzupassen.

Wir erinnern uns noch an das  ganze Medientheater um die Spieler der Schweiz Fussballnationalmannschaft letztes Jahr an der Fussball Weltmeisterschaft mit dem Symbol des Doppeladlers. Irgendwie habe ich selber verschmitzte Freude an den frechen jungen Schweizer-Kosovaren Fussballer an der WM gehabt. Dabei hätte ich mir dann auch noch gewünscht, dass sie beim Abspielen unserer Nationalhymne ihren sonst so vorwitzigen Schnabel auch aufgemacht hätten.

Stichwort Nationalhymne: Wann ist eine Nation überhaupt eine Nation? Dann, wenn sie zusammen die Nationalhymne singt? Übrigens, ich halte gar nichts vom neuen Text unserer Hymne. Mir ist der alte Text nicht nur gut genug, er ist sehr wertvoll, frei von aggressivem Nationalismus – genau wie auch in der Melodie von Pater Alberich Zwyssig, geboren unter dem Rütli. Ist eine Nation eine Nation, wenn die Bevölkerung die gleiche Sprache spricht? Ist eine Verfassung entscheidend oder das politische System? Braucht es einen König, eine Königin, oder eine zentralistische Regierung?

Eine gute Antwort auf diese Frage habe ich bei einem Franzosen gefunden, beim Philosoph Ernest Renan, einem gebürtigen Bretonen, also ein Angehöriger einer Minderheit. Er hat sich Ende des 19. Jahrhunderts Gedanken darüber gemacht, was das Wesen einer Nation ausmacht. Er sagte: „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Es sind zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind. Eins gehört der Vergangenheit an, das Andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch, zusammenzuleben.“

Renans Analyse passt perfekt in die momentane Integrationsdiskussion – nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa. Die Bürgerinnen und Bürger der Eidgenossenschaft haben seit 1291, aber im Besonderen seit 1848 nach der Gründung des neuen Bundesstaates, dieses Zusammenleben immer wieder neu bekräftigt. Gerade der 1. August eignet sich sehr gut dazu. Aber, es gilt dann auch für die übrigen 364 Tage.

Für heute lassen wir es mit dieser Feststellung bewenden. Freuen wir uns dafür am Geburtstagsfest unseres Landes. Freuen wir uns, dass wir in einem Land leben dürfen, welches

-     seinen Bürgerinnen und Bürgern einen vergleichsweise hohen Wohlstand garantiert

-     und ihnen eine angemessene Sicherheit gewährleistet

-     den schwächeren Teilen der Gesellschaft die nötige Solidarität zukommen lässt

-     vier Sprachen und Kulturen friedlich unter einem Dach vereint

-     fast 800‘000 Auslandschweizer auf der ganzen Welt als seine Bürger kennt

Das alles sind Errungenschaften der Vergangenheit und der Gegenwart. Sie sind in Zukunft nicht gratis zu haben. Es braucht neben dem materiellen Einsatz vor allem auch den Glauben an das Ideal eines Staates und eine persönliche geistige Haltung zu diesem Staat, zu seinen Institutionen und seiner Bevölkerung.  Diese bedingt ab und zu bei jedem von uns so etwas wie eine persönliche staatspolitische Gewissenserforschung.

Diese hat allerdings Zeit bis morgen; für heute feiern wir miteinander Geburtstag, den der Eidgenossenschaft.