03.08.2017 / Hergiswil / Migration

1. August in Hergiswil am Napf

Rede von Ruedi Lustenberger, alt Nationalratspräsident, Romoos


Wenn jemand Geburtstag hat, lädt man dazu Angehörige, Freunde und Bekannte ein, um mit ihnen den Festtag zu feiern. Die Geburtstagsfeier von heute gehört nicht einer einzelnen Person – heute hat unser Land, die Eidgenossenschaft, die Institution Schweiz Geburtstag, und so feiern alle Schweizerinnen und Schweizer den Geburtstag der Eidgenossenschaft, sie geht zurück bis ins Jahr 1291 auf dem Rütli.  Ein Land, ein Staat, ein Volk besteht ja aus Leuten - aus Frauen und Männern, Jung und Alt - welche zusammen eine Nation verkörpern.

 

Dazu gehört auch die sogenannte fünfte Schweiz, die Auslandschweizer. Ich freue mich, dass gegenwärtig fast 100 Kinder aus der sog. fünften Schweiz hier in Hergiswil im Ferienlager sind und heute an dieser Feier teilnehmen. Herzlich willkommen, liebe junge Auslandschweizer. Bienvenue cher jeunes Suisses de l'étranger. Benvenuto cari giovani svizzeri all'estero.

 

Eine 1. Augustfeier in der CH bietet immer auch Gelegenheit, über politische - in der Regel vor allem über staatspolitische - Themen nachzudenken. Und an solchen mangelt es bekanntlich momentan der Eidgenossenschaft nicht.

Dabei wollen wir zuerst einmal danken:

  • Unseren Vorfahren, die Sorge getragen haben zu unserem Land und zu unserer Freiheit.
  • Dem Herrgott, der unser Land verschont hat vor Krieg und innerer Zwietracht.

Ein alter Eidgenosse, welcher zu seiner Zeit Sorge zu unserm Land getragen hat und gegen die innere Zwietracht gekämpft hat, ist Niklaus von Flüe. Wir feiern in diesem Jahr den 600. Geburtstag von Bruder Klaus. Wir verneigen uns heute, am Nationalfeiertag vor unserem Nationalheiligen und sind dankbar für sein segensreiches Wirken.

Er war es, der das Kloster St. Katharinenthal bei Diessenhofen während der Eroberung des Thurgaus im Jahre 1460 vor der Plünderung gerettet hat. Ebenfalls hat er die alten Eidgenossen beim Stanserverkommnis im Dezember 1481 gut beraten, als er gesagt hat:  „Wenn ihr euch nicht in Frieden einigen könnt, dann lasset das Recht das Böseste sein“. Das heisst: Macht keinen Krieg.

Für Bruder Klaus hatte die Gemeinschaft einen hohen Stellenwert. An erster Stelle kam für ihn ganz selbstverständlich die Verantwortung für den Frieden unter seinen Landsleuten und die Freiheit gegen aussen. Er konnte loslassen, als er in den Ranft pilgerte und dort bis zum Lebensende sein Werk vollendet hat. Das war allerdings war nur möglich, weil er in Dorothe eine starke und weise Frau an seiner Seite wusste. Niklaus von Flüe hatte Land und Leute gern, er hatte starke Gefühle für seine Heimat und die Gemeinschaft.

Das Gemeinschaftsgefühl stärken kann man, wenn man ein echtes Bewusstsein für die eigene heimatliche Verwurzelung entwickelt. Ein gutes Beispiel dafür ist der Hergiswiler Ehrenbürger Dr. h.c. Josef Zihlmann, landläufig bekannt als „Seppi a de Wiggere“. Vor kurzem hat man seinen 100. Geburtstag gefeiert. Mich beeindruckten sein regional-historisches Lebenswerk, vor allem auch seine Philosophie und seine Ideen zur Heimat. Für ihn bedeuteten Vergangenheit und Kultur nicht ein ‚abgeschottetes Wiggertal’, nein er träumte von einer lebensfrohen, entwicklungsfähigen Region.

So schrieb er wörtlich: „Heimat ist nicht geruhsame Behaglichkeit. Wenn Heimat stillsteht, stirbt sie. Heimat neu schaffen heisst, beispielsweise dafür sorgen, dass junge Menschen vor dem, was Heimat sein könnte, nicht davonlaufen“. Gemeint hat er damit – vor 50 Jahren - wohl, man soll besorgt sein, dass sich die Randgebiete in unserem Land, bspw. das Napfgebiet, nicht entvölkern. Es braucht den Einsatz von vielen, wenn man eine gute Zukunft auch im Berggebiet fördern will. Aber, es lohnt sich; eben, dass uns die Menschen im Berggebiet nicht davonlaufen.  

Ob d‘ Seppi a de Weggere damit auch an die moderne Völkerwanderung von heute gedacht hat, weiss ich nicht. Hingegen weiss ich, dass heute weltweit Millionen von Menschen auf der Flucht sind. Viele von ihnen – nicht alle - haben ihre Heimat verlassen, weil sie sie nicht mehr als Heimat empfunden haben. Wenn das Gastland, das sie dann neu betreten, ihre neue Heimat werden soll, dann müssen sie – unabdingbar – gewillt sein, die Gepflogenheiten dieses Landes zu respektieren und beachten. Dazu gehört der vorbehaltlose Wille, sich zu integrieren. Sonst bleiben sie immer Fremde in ihrer neuen Heimat und belasten so das gesellschaftliche Zusammenleben. Angesichts der heutigen Situation muss diese Forderung noch konkreter gestellt werden, und vor allem: Sie muss konsequent durchgesetzt werden.

Für heute lassen wir es mit dieser Feststellung bewenden. Freuen wir uns dafür am Geburtstagsfest unseres Landes. Freuen wir uns, dass wir in einem Land leben dürfen, welches

  • seinen Bürgerinnen und Bürgern einen vergleichsweise hohen Wohlstand garantiert
  • und ihnen eine angemessene Sicherheit gewährleistet
  • den schwächeren Teilen der Gesellschaft die nötige Solidarität zukommen lässt
  • vier Sprachen und Kulturen friedlich unter einem Dach vereint
  • fast 800‘000 Auslandschweizer auf der ganzen Welt als seine Bürger kennt

Das alles sind Errungenschaften der Vergangenheit und der Gegenwart. Sie sind in Zukunft nicht gratis zu haben. Es braucht neben dem materiellen Einsatz vor allem auch den Glauben an das Ideal eines Staates und eine persönliche geistige Haltung zu diesem Staat, zu seinen Institutionen und seiner Bevölkerung.  Diese bedingt ab und zu bei jedem von uns so etwas wie eine persönliche staatspolitische Gewissenserforschung.

Diese hat allerdings Zeit bis morgen; für heute feiern wir miteinander Geburtstag.