19.06.2017 / Schüpfheim / Bildung

Maturafeier am 14. Juni 2017 an der Kantonsschule Schüpfheim

Festansprache von Ruedi Lustenberger

Sie haben lange gelernt, geplant, gefiebert, gehofft – und nun ist er endlich da, der Tag, auf den Sie sich zu Recht auch gefreut haben - der Tag, an dem Sie die sog. Reifeprüfung abgelegt haben und dafür nun den verdienten Lohn in der Form des Maturitätszeugnisses in Empfang nehmen dürfen. Darauf dürfen Sie berechtigterweise stolz sein.

Ich darf Ihnen, geschätzte Maturae und Maturi dazu herzlich gratulieren. Sie haben  in den vergangenen vier (fünf) Jahren hier an der Kantonsschule Schüpfheim sehr viel Wissen vermittelt bekommen und fast alles davon auch erworben. Den Beweis dafür haben Sie in den vergangenen Tagen an den verschiedenen Prüfungen angetreten.

Mit dem heutigen Tag geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Man könnte ihn den dritten in ihrem Leben bezeichnen:
Der Erste war der wohlbehütete als Kind im Vorschulalter in der Familie.

Der Zweite die Zeit der obligatorischen Schulzeit in Ihrem Dorf
Und der Dritte ist eben die Ausbildung hier an der Kantonsschule Schüpfheim.

Fast zeitgleich mit dem Erwerb der mittleren Reife, also der Matura fällt bekanntlich auch der Zeitpunkt Ihrer juristischen Handlungsfähigkeit und staatspolitischen Mündigkeit.

Der Abschnitt zwischen der oblig. Schulzeit und dem Erlangen der Matura ist zwar kurz, dafür umso intensiverer. Sie werden davon Zeit Ihres Lebens profitieren, dereinst Ihren Kindern davon erzählen und sich immer wieder daran freuen. Es sind ja dann in der Regel auch die amüsanten, die angenehmen, die speziellen Ereignisse und Erlebnisse, die haften bleiben. Und davon haben Sie – sonst wären Sie die absolute Ausnahme – ja auch viele erlebt. 

Heute haben Sie Ihr Ziel erreicht und Sie stehen an einem entscheidenden Punkt in Ihrem Leben. Sie tauschen sehr bald Ihr familiäres Zuhause, die vertraute Umgebung der Kantonsschule und die verschworene Klassengemeinschaft mit der weiten Welt. Sie werden, jede und jeder für sich nun den eigenen persönlichen Weg Ihrer weiteren Bildung einschlagen.

Die meisten wird man schon im Herbst in einem Hörsaal einer Universität, einer Hochschule antreffen. Dort erfüllen Sie sich Ihren Berufswunsch.  Und dann, in ein paar kurzen Jahren, werden Sie, mit einem vollen Rucksack an Wissen in den beruflichen Alltag eintreten und auf Grund eben dieses Wissens sehr rasch an wichtige Schalthebel in unserer Gesellschaft gelangen. Dabei werden Sie immer möglichst viel Freiheit im Denken, im Tun - manchmal auch im Nicht-Tun - für sich beanspruchen. Diese Freiheit ist ein wichtiger Bestandteil des eidgenössischen Staats- und Gesellschaftsverständnisses, und, noch viel mehr auch der Ausdruck unserer aufgeklärten, abendländischen Kultur.

Mit dieser uns so wohl vertrauten und geschätzten Freiheit allein ist es natürlich noch nicht getan. Die Freiheit hat nämlich noch eine Schwester, eine Zwillingsschwester. Und die heisst Verantwortung. Wer viel  Freiheit beansprucht, muss auch die Bereitschaft zeigen, im gleichen Ausmass Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen.

Anhand zweier Beispiele will ich versuchen, den Gedanken von Freiheit und Verantwortung zu konkretisieren und  dabei aufzuzeigen, dass diese beiden Ideale zusammengehören wie Zwillingsschwestern.

Ich habe das Erste Beispiel bewusst in der Ökonomie, also die Wirtschaft gesucht. Ein Ärgernis von besonderem Ausmass waren – und sie sind es nach wie vor - die unverhältnismässigen Boni und Abgangsentschädigungen in der Finanzbranche. Da werden Freiheit und Verantwortung nicht immer als Zwillingsschwestern betrachtet. Oder eben nur dann, wenn es um die Verantwortung des eigenen Portemonnaies geht

Blenden wir ein Viertel Jahrhundert zurück. Als damals die Mauer in Berlin fiel, passierte weltpolitisch eben mehr als nur ein Steine-rollen. Parallel zur politischen Umgestaltung in Europa fand eine wahre ökonomische Weltrevolution statt. Das alles ist abgelaufen unter dem Namen Globalisierung. Isoliert betrachtet kann eine solche Entwicklung durchaus erstrebenswert sein. Hält sie aber auch einer ganzheitlichen Betrachtungsweise stand? Nimmt die Entwicklung ihre soziale Verantwortung wahr? Wird das Gebot der Stunde, die Nachhaltigkeit, beachtet? Weltweite Produktions- Handels - und Konsumfreiheit wird - ohne gleichzeitige soziale, ökologische und gesellschaftliche Verantwortung - zu einem grossen Bumerang, zur Planwirtschaft des Kapitals.

Die Gegenentwicklung hat ihre Reise – im wahrsten geographischen Sinn des Wortes - mit der modernen Völkerwanderung vor ein paar Jahren bereits angetreten. Das sog. ökonomische Nord – Süd Gefälle ist das eine. Viel schwieriger erweisen sich zunehmend die geopolitischen, kulturellen und religiösen Disparitäten. In ihrer Kombination sind sie daran, irreversible Folgen für der Weltordnung anrichten.

Das zweite Beispiel betrifft die Naturwissenschaften, und in ihnen speziell die Forschung. Die Schweiz darf sich rühmen, einer der weltweit besten Forschungsplätze zu sein. Davon profitieren die Wirtschaft, die Gesellschaft und nicht zuletzt auch die Gemeinwesen von Bund, Kantonen und Gemeinden. Das Forschen im unendlich grossen Biotop der Naturwissenschaften ist dem Menschen grundsätzlich in die Wiege gelegt. Er ist ja per se neugierig. Wollte man per Gesetz das Forschen verbieten, dann müsste man dem Menschen zuerst das Denken untersagen. Und das würde bekanntlich keine Sekunde funktionieren. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Forschen und Anwenden. Nicht alles, was die Forschung entdeckt, genügt in ihrer schnellen Anwendung dann auch ethischen und moralischen Grundsätzen. In diesem Fall kommt die Parität, oder sagen wir „die Gleichung“  von Freiheit und Verantwortung explizit, eins zu eins zum Tragen. 

Ich will Sie, geschätzte junge Leute mit diesen Ausführungen nicht etwa verängstige. Im Gegenteil, ich will Ihnen Mut machen, in Ihrem künftigen Leben mitzuhelfen, unsere Schöpfung zu bewahren und einen Beitrag zu leisten für die Wohlfahrt der Menschen in unserer Gesellschaft. Bewahren Sie vor allem die Freiheit im Denken; bleiben Sie kritisch gegenüber extremen Leuten und extremen Forderungen, gleichgültig ob sie von populistischen Demagogen oder von Wolken schiebenden Fantasten kommen. Es ist das Privileg der Jugend, etwas kritischer und etwas lauter zu sein als wir Pensionierten. Kritisches Hinterfragen, bessere Ideen entwickeln und Mitmachen in der Öffentlichkeit regen das Denken an. Damit übernehmen Sie gleichzeitig auch Verantwortung für unser gesellschaftliches Zusammenleben. Dazu wünsche ich Ihnen viel Glück, und ich danke Ihnen für das Verantwortungsbewusstsein, das Sie in Zukunft weiterentwickeln werden.

Am Anfang habe ich Ihnen gratuliert. Und nun darf ich auch noch danken:

  • Selbstverständlich zuerst Ihnen, lieb Maturae und Maturi. Sie verdienen den Dank der Öffentlichkeit für ihr Engagement während der Schulzeit und speziell natürlich für die zum Teil hervorragenden Prüfungsleistungen.
  • Dann der Kantonsschule Schüpfheim, Rektor Heini Felder, alle Lehrerinnen und Lehrer und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Haus. Die Kantonsschule Schüpfheim ist zwar klein, dafür sehr fein. Hier herrscht ein guter, fast schon familiärer Geist. Und, es dürften in dürften in der Zukunft durchaus noch ein paar Gymnasiasten mehr sein aus dem Entlebuch. Im Unterschied zu manchen Regionen in der Schweiz, wo die Maturitätsquote hoch - zu hoch – ist, ist diese in unserer Region tief.
  • Selbstverständlich den Eltern, die mit ideellem und finanziellem Einsatz die Ausbildung unserer Jugend ermöglichen. Und so manche Ihrer Mütter hat während der Zeit, als Sie hier an der Kanti lernten, mit gütigem Zusprechen das eine oder andere Derby ausgeglättet oder allenfalls sogar verhindert….
  • Und schliesslich auch dem Betreiber der Schule, dem Kanton Luzern. Dieser hat zwar schon bessere Zeiten erlebt. Aber die momentane Phase wird auch vorübergehen.

 

Liebe Matrae und Maturi

Ich wünsche Ihnen viel Glück und Segen auf dem weiteren Weg in eine hoffnungsvolle Zukunft.

Die meisten von Ihnen haben heute, morgen und am Wochenende vermutlich noch ein fröhliches Fest im beschaulichen familiären, kollegialen Rahmen vor sich. Das haben Sie redlich verdient. Geniessen Sie den Tag. Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest.

Machet’s Guet! Danke.