29.05.2017 / Kanton Luzern / CVP Luzern

Seelsorge und Politik

Ansprache von Ruedi Lustenberger an die KAB an Auffahrt 2017 auf Heiligkreuz im Entlebuch

An meiner Stelle könnte gerade so gut jetzt Pater Chrispin ans Mikrofon treten und über die Seelsorge und die Politik reden. Er würde es zwar nicht gleich formulieren,  aber inhaltlich wären wir vermutlich nicht weit auseinander. Wieso? Weil beide, die Seelsorge in den Kirchen und die Politik sich mit Menschen, mit der Kreatur allgemein und mit unserer ganzen Umwelt befassen und sich eben darum sorgen. Urs Coradini hat in seinem Predigtwort dazu bemerkenswerte Ausführungen gemacht. An ihm ist ein Politiker verlorengegangen.

Die Seelsorge der Kirche kümmert sich – das Wort sagt es – um die Seele des Menschen. Nun, was ist die Seele überhaupt? Darüber haben sich Philosophen, von Platon und Aristoteles bis hin zu Sigmund Freud und Friedrich Nitzsche den Kopf zerbrochen und dicke Bücher geschrieben. Ganz auf den Grund eben dieser Seele kommt die Philosophie nie. Das ist auch gut so, sonst würde ihr ja dann auch einmal die Arbeit ausgehen….

Für uns Christen ist die Seele das Geistige, Spirituelle, Psychische, das unsichtbare im Mensch. Dieses wird um hüllt von einem sichtbaren Körper. Folglich kümmert sich die Seelsorge eben um den Geist, um die Psyche und um das Spirituelle des Menschen. Die Seelsorge ist also nicht in erster Linie um das leibliche, sondern vor allem auch um das seelische Wohl des Menschen besorgt.

Pater Crispin hat diesen Grundsatz hier auf Heiligkreuz in die Praxis umgesetzt.  Er hat uns „Kostgänger“ nicht flüssige, auch nicht feste Nahrung mit nach Hause gegeben – dafür ist das Kurhaus nebenan zuständig – Crispin hat uns geistige Nahrung gegeben; mit seinen Predigten, auch in Form der Gestaltung seiner Gottesdienste, und manchmal hatte ich das Gefühl, nur schon auf Grund seiner physischen Präsenz. Und weil er es in seiner speziellen Art über all die Jahre so unnachahmlich getan hat, sind die Gottesdienste hier auf Heiligkreuz zu einem Markenzeichen geworden. Heute sagt man neudeutsch: Es ist daraus ein „Label“ entstanden, eben das Label „Pater Crispin“.

Lieber Crispin, dafür danke ich Dir im Namen der Anwesenden, im Namen von Land und Volk im Entlebuch und dem grossen Rest der Eidgenossenschaft und weit darüber hinaus.

Und damit ist das Stichwort gegeben, wir sind bei der Politik. Was hat die Politik mit der Seelsorge zu tun? Auch darüber wurde schon viel nachgedacht und geschrieben. Selber habe ich das auch gemacht, mehr als einmal. In meinem Präsidialjahr 2014 im Nationalrat habe ich über 100 Ansprachen gehalten. Und ich habe nachgeschaut, ob ich den Ausdruck „Seele“ auch einmal verwendet habe. Ja. Mehr als einmal.

Ein Beispiel: Ich habe mich in meinen Referaten häufig auf einen französischen Philosophen und Religionswissenschaftler bezogen, er heisst Ernest Renan. Ein gebürtiger Bretone, also ein Angehöriger einer Minderheit. Er hat sich Ende des 19. Jahrhunderts Gedanken darüber gemacht, was das Wesen einer Nation – also das Wesen eines Volkes ausmacht.

Nicht eine gemeinsame Sprache, nicht gemeinsame Interessen oder die geografische Lage seien entscheidend. Das Wesen der Nation liege im subjektiven, also im besonderen Bereich. Ihr Fundament ist die Verarbeitung von gemeinsamen Erfahrungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart. Es sind die gemeinsamen Erinnerungen und Schicksale, und auch die grossen Persönlichkeiten, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind.

Oder in Ernest Renans Worten ausgedrückt: „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eins gehört der Vergangenheit an, das Andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch, zusammenzuleben.“

Ja, die Politik ist dafür verantwortlich, dass wir in einer Gemeinde, im Kanton, im Bund und grundsätzlich auf unserer Erde friedlich zusammen leben können. Das ist natürlich viel leichter gesagt als getan. Dafür braucht es, um Renan nochmals zu zitieren, eben diese Seele, dieses geistige Prinzip.

Man kann daraus den Schluss ziehen, dass es neben der religiösen eben auch noch eine politische Seelsorge gibt. Die Sorge der Politik für ein Land, für ein Volk, eben für eine Nation, wie sie Renan benennt. Beide, die religiöse wie auch die politische – oder nennen wir sie die weltliche - Seelsorge kümmern sich um das Wohl der Menschen. Die weltliche Seelsorge sollte – streng genommen – in einem säkularisierten Staat sich nicht, oder zumindest nicht zu stark in religiöse Belange einmischen. Das allein wäre eine lange Ansprache wert und Urs Coradini hat treffend darauf hingewiesen, deshalb lasse ich es für heute auf der Seite.

Es gibt in der Politik schon so etwas wie eine politische Seelsorge. Sie ist dem Wohl des einzelnen Menschen und noch vielmehr der Gesamtheit eines Volkes und letztlich der ganzen Weltgemeinschaft verpflichtet. Sie beruht – aus der Optik des aufgeklärten abendländischen Kulturverständnisses – auf dem Prinzip der Freiheit, der Selbstverantwortung, der Solidarität - und für eidgenössische Verhältnisse auch auf der Subsidiarität, dem Föderalismus und der Direkten Demokratie.

Dass in der Politik darunter nicht alle das gleiche verstehen, ist selbsterklärend. Deshalb ist es ein permanentes Ringen darum, was gilt. Aber grundsätzlich hat sich die Schweizer Politik an jene Institution zu halten, welche gleichbedeutend ist wie für uns Christen in unserer Kirche das Neue Testament; die Schweizer Politik hat sich an die die Bundesverfassung zu halten.

Und diese hat bekanntlich eine Präambel, welche ab und zu sie zu lesen es sich lohnt. Ich zitiere:

Im Namen Gottes des Allmächtigen!

Das Schweizervolk und die Kantone,

in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,

im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,

im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,

im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften (Renan) und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,

gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

geben sich folgende Verfassung:

Gut, nicht wahr?

Die Präambel der Bundesverfassung gibt der Politik den klaren Auftrag, politische Seelsorge zu betreiben. Auf einen Teil möchte ich noch etwas näher eingehen, auf die Solidarität. Sie haben heute das Opfer für die Brücke – le pont aufgenommen; es ist bekanntlich das Solidaritätswerk der KAB. Die Solidarität gehört zur Eidgenossenschaft wie der Föderalismus, die Subsidiarität und die direkte Demokratie. Diese Elemente sind sozusagen untrennbar miteinander verbunden.

Solidarisch sein kann man bekanntlich auf ganz unterschiedliche Art und Weise: Es gibt staatlich verordnete, oder anders ausgedrückt politisch gewollte Solidarität – darunter gehören zum Beispiel die AHV, die IV oder der nationale und der kantonale Finanzausgleich, oder unser progressives Steuersystem, welche die hohen Einkommen überproportional stärker belastet als tiefe, oder unser Gesundheitssystem, unser Schulsystem. Es gäbe noch viele andere Beispiele.

An diesen lässt sich sehr gut dokumentieren, dass das zitierte Ringen um die Auslegung des Grundsatzes ein dauernder politischer Prozess ist. Jeder Politiker und jede Politikerin versteht sich dabei als Seelsorger seines Volkes, seiner Wähler. Die Ansichten hingegen, wie weit Solidarität vis a vis der Selbstverantwortung gehen soll, die liegen manchmal sehr weit auseinander.

Neben der staatlichen Solidarität gibt es auch noch eine ideelle, und diese ist freiwillig, aber mindestens so wichtig wie die obligatorische. Wir können uns solidarisch zeigen, indem wir in unserem Dorf nach einer Überschwemmung den Betroffenen beim Aufräumen helfen. Oder wir können Erdbebenopfern Geld spenden. All diesen Aktivitäten ist eines gemeinsam: Sie tun Gutes und dienen dazu, Situationen von Einzelnen oder Gemeinschaften zu verbessern.

Solidarität, liebe KAB Familie, ist kein Gnadenakt, sondern im Grund eine Selbstverständlichkeit innerhalb der Gesellschaft. Sie ist Selbstzweck oder besser gesagt: der Kitt unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft aus Egoisten und Ignoranten ist nicht überlebensfähig.

Dazu gibt es unzählige gute Beispiele. Eines aus unserer Nähe, unsere eigene Situation als EntlebucherInnen, die wir ein Teil der Schweizer Bergbevölkerung sind. Diese geniesst in breiten Teilen der Gesellschaft einen grossen Sympathie-Bonus, sie kann auf deren Solidarität und Verständnis zählen. Man weiss um die schwierigen Lebensbedingungen der Bergbauern und der Notwendigkeit, den nachfolgenden Generationen eine Existenzgrundlage zu sichern.

Den Bergbauern haftet in den Augen der jungen städtischen Bevölkerung etwas „exotisches“ an, umgekehrt verhält es sich aber nicht anders. Wir Entlebucher verstehen nicht immer, was in Genfer- und Zürcher-Köpfen vorgeht. Anstatt es abzulehnen ist es viel gescheiter, sich über die Vielfalt in unserem kleinen Land zu freuen und Verständnis aufzubringen für die Bedürfnisse der anderen. Mit etwas mehr Einfühlungsvermögen wächst nämlich auch die Bereitschaft, solidarisch zu sein.

Leistungen für das Gemeinwohl haben in der Schweiz eine lange Tradition. Die Geldspende – so wie heute für die Brücke - ist dabei die beliebteste Form für gesellschaftliche Solidarität und bürgerschaftliches Engagement. SchweizerInnen spenden  verhältnismässig viel und häufig - das beweisen mehrere Studien.

Interessant ist auch die Aussage, dass die Menschen lieber Geld als Zeit für gemeinnützige Zwecke spendeten. Wieso das so ist? Geldspenden werden als eine Art „Freikauf“ von gemeinnütziger Tätigkeit verstanden. Personen, die nur ungern Freizeit opfern, aber sich dennoch engagieren möchten, spenden lieber einen Geldbetrag als Zeit.

In diesem Zusammenhang ist der Mensch – plakativ gesagt - komplexer als man meinen könnte. Er deckt nicht nur wirtschaftlich, sonst würde er ja gar nicht spenden. Aber, der Mensch fühlt sich selber besser, wenn er jemandem etwas Gutes tut. Bildlich ausgedrückt: Es wird ihm warm ums Herz, es tut seiner Seele gut.

Solidarisch sein – Mitgefühl, Anteilnahme, Verständnis zeigen – sind Eigenschaften, die wir in unserer individualisierten, hektischen Zeit noch stärker pflegen dürften. Wir tragen Verantwortung auch gegenüber der Gemeinschaft. Der Staat allein kann nicht alles tun. Alle, die berechtigterweise davon sprechen, der Staat solle und müsse nicht für alles und jedes herangezogen werden, sie geben damit zu verstehen, dass es neben den staatlichen Institutionen eben auch noch die freiwillige Solidarität des Einzelnen braucht. Dieses Engagement lohnt sich, auch für sich selber.

Wie sagte Albert Schweitzer einst so treffend: „Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ Diesem Satz kann ich nichts mehr beifügen als:

Du, lieber Pater Crispin Rohrer, Du hast ganz viele Menschen mit Deiner gewinnenden Art glücklich gemacht. Deshalb bist Du ja auch so reich!

Bhüet Euch Gott und z’lieb Heiligchrüz